The CBd
Michel, BM on CBd-387
S. Michel, Die Magischen Gemmen im Britischen Museum, 2001, 5, no. 8.

Braun-rot-grüner Jaspis, poliert. Hochoval, beiderseits flach, Rand nach hinten abgeschrägt, Kante scharf. Große Absplitterungen am Rand ringsum, wohl durch die Entfernung einer ehemaligen Fassung. Ringstein.

2,6 x 2,2 x 0,3
3.Jh.n.Chr.
Gekauft von C. Schmidt, Esq. (1868).
Brit. Mus. Inv. G 241, EA 56241.

Vs.: Mumie frontal, Füße im Profil nach links. Die beiden mit einer länglichen Kerbe angedeuteten Füße sind nicht umwickelt, der spitzovale, mumifizierte Körper ist mit säuberlich ausgeführten Rauten überzogen (Mumienbinden), die Arme fehlen. Das frontal gezeigte Gesicht scheint ebenfalls von Mumienbinden gerahmt zu sein. Augen und Mund sind nicht erkennbar, nur ein dünner senkrechter Strich kennzeichnet die Nase. Auf dem Kopf drei stengelähnliche Linien, die mit kleinen Kreisen bekrönt sind. Unter der Mumie ein ankusähnlicher Gegenstand, bestehend aus einer waagerechten Linie mit nach unten gebogenem Haken sowie kleinen Kreisen an den Enden. Am Rand umlaufend Inschrift in zwei Reihen, oben beginnend:
ΗMEΡACΓΟΝΟCΜEΜNWNΚΟΙMΑTAΙ
ΚΡΑΒAΖAΖΗΡAΒΙΡAΘΚΗΒAΙΑWEW
Ἡμέρας γόνος Μέμνων κοιμᾶται ΚΡAΒΑΖAΖΗΡAΒΙΡAΘΚΗΒΑ IAW EW, „Memnon, Sohn der Hemera, schläft”, unbekannte Zauberwörter, ->Iaô
Die genannten Figuren Memnon und Eos entstammen der Mythologie, Hemera (der Tag) ist mit Eos, der Mutter des Memnon, und auch mit Isis zu identifizieren. κοιμᾶται ist anstelle von τέθνηκε gebraucht und im Sinne von „tot sein” zu verstehen. Nach M. Smith soll in dem in den unbekannten Zauberwörtern enthaltenen Wort AZAZHP „Azazel” gelesen werden. PABAZAZ könnte weiterhin als Anagramm für „Abrazaz” gelesen werden.

Rs.: Wiederholung des Bildes der Vs. mit dem Unterschied, daß die Füße der Mumie hier im Profil nach rechts gerichtet sind. Am Rand umlaufend Inschrift in zwei Reihen, oben beginnend:
ΦIΛΙΠΠΑCΓΟΝOCΑΝTIΠΑΤΡΟCΚΟΙMΑTΑΙ
ΚΡΑΒΑΖΑΖΗΡΑΒIΡΑΘΚΗΒΑΙΑ WEW
rechts der Mumie senkrecht von oben nach unten:
ΟWΝ
links der Mumie senkrecht von oben nach unten:
ΕΓW
Φιλίππας γόνος Ἀντίατρος κοιμᾶται ΚΡΑΒΑΖΑΖΗΡΑΒΙΡΑΘΚΗΒΑ ΙΑW ΕW ἐγώ ὁ ὤν, „Antipatros, Sohn der Philippa, schläft”, unbekannte Zauberwörter entsprechend der Vs., ->Iaô „der Seiende (= Gott)”
Die in der Inschrift enthaltenen Namen Philippa und Antipatros beziehen sich auf den Amulett-Träger und seine Mutter, wobei diese Namen erst seit der Zeit der makedonischen Herrschaft verbreitet waren. Die Worte ὁ ὤν sprach Gott gemäß Exodus 3, 14 zu Moses. Die mit „der Seiende” zu übersetzende Wendung erscheint zumeist auf jüdischen Amuletten und dürfte mit dem auch enthaltenen ->Iaô identisch und als Anruf Jahwes zu verstehen sein.

Sinngemäß lautet die Hauptaussage der Inschrift beider Seiten: „So wie Memnon, Sohn der Eοs, schläft, so soll auch Antipatros, Sohn der Philippa, schlafen”. Das Amulett wurde daher in der Forschung bislang überwiegend als Defixio interpretiert, insofern als im Sinne homöopathischer Magie einer verwünschten Person Schaden durch Bildzauber zugefügt, ja sogar der Tod gewünscht werden sollte. Überzeugender ist es jedoch, anzunehmen, daß ein homerisches Motiv im Sinne einer einfachen Metapher gebraucht wurde. Memnon, König der Äthiopier, wurde im Kampf vor Troja von Achill erschlagen, sein Leichnam von seiner Mutter Eos nach Äthiopien gebracht und bestattet. Nach Ovid Met. 13, 587ff. entstiegen der Asche des verbrannten Königs die Memnosvögel, - eine Parallele zu der im magischen Bereich oft zitierten Phönixsage. Da zudem Memnon mit Osiris und die trauernde Eos mit Isis gleichgesetzt wurden, wäre das Amulett eher dahingehend zu verstehen, daß so wie Memnon und Osiris (Mumie) den Tod überwinden auch Antipatros wieder aufleben soll. Der Kopfschmuck der Mumie wäre als die auf Wiedergeburt hinweisende Überschwemmungs-hieroglyphe zu interpretieren, die auch für den Nilgott Hapi und für Osiris als Kopfschmuck dient. Der ankusähnliche Gegenstand unter der Mumie ist am ehesten als Sichelschwert des Kronos zu erklären und entsprechend der Krokodile auf 3 als Hinweis auf den Sieg über die Zeit und die Ewigkeit zu verstehen. Was die unterschiedliche Ausrichtung der Mumienfüße betrifft, so wäre zu bemerken, daß die Mumien auf Bildern oft nach links ausgerichtet sind (Füße der „Memnonmumie”), ein Hinweis auf den Osten und die Auferstehung, während rechts dagegen mit dem Westen und dem Totenreich assoziiert wird (Füße der „Antipatrosmumie”). Die getreue Kopie in Inschrift und Motiv auf Vs. und Rs. ist in dieser Form selten auf Gemmen belegt.

Klar und einfach geschnitten, das Rautenmuster und die Buchstaben sind sauber ausgeführt, lineare Kleinteiligkeit herrscht vor, Details fehlen jedoch (Gesicht der Mumie).

Ρubl.: BONNER 89 Αnm.46, 108ff., 278 Taf. 7, 151 /CBd-387/; WORTΜANN, ΝILFLUT 106; J. ΕNGEΜANN, Das Kreuz auf spätantiken Kopfbedeckungen, in: Τheologia Crucis - Signum Crucis. Festschrift Ε. Dinkler (Hrsg. C. Αndresen - G. Klein 1979) 148f. Τaf. 6, 14; R. KIECΚΗEFER, Magie im Mittelalter (1992) 30 Abb. 3a.

Lit.: Ζu Motiv und Inschriften: BONNER 108ff, 89 Anm.46. - Zur Defixio: BONNER 110ff. - Ζu Ο WΝ: BONNER 109, 225; BONNER, BRITMUS 333f. Taf. 98, 50 /CBd-814/. - Zur IdentifΙkatiοn Hemera und Εos: PAUSANIAS I,3,1; W. DREXLER, in: Roscher, ML I 2 (1886-1890) 2032 s.v. Hemera. - Ζu ΚΟΙΜΑΤΑΙ: SOPHOΚLES, Εlektra 509; M.B. ΟGLE, In the sleep of Death, MemΑmAc, 11, 1933, 83ff.; Α. ΑUDOLLENΤ, Defixionum Tabellae (1904) Nr. 242, 29ff. - Ζu aggressiver Magie: ZWIERLEIN-DIEHL, KÖLN 96ff. zu Νr. 28 /CBd-1958/. - Zur Ausrichtung der Mumien nach links oder rechts: A. ΕRΜAN, Die Religion der Ägypter (1934) 411; G. GRIΜM, Die römischen Mumienmasken aus Ägypten (1974) 78; PHILIPP, BERLIN 11f.

Vgl.: Zum Motiv: Magnetit BONNER 255 Τaf. 1, 13 /CBd-1280/. - Ζu ΗΜΕΡAC: Lapislazuli-Frgt. AGD I, 3 MÜNCHEN 122 Τaf. 282, 2914. - Ζu Ο WΝ: 456 /CBd-814/. - Zum Sichelschwert des Kronos: 48 /CBd-427/(Vgl.).
Last modified: 2015-08-12 12:32:51
Link: classics.mfab.hu/talismans/pandecta/81