The CBd
Michel, BM on CBd-690
S. Michel, Die Magischen Gemmen im Britischen Museum, 2001, 193, no. 304.

Weiß-bräunlicher Chalcedon, poliert. Hochoval, Vs. leicht konvex, Rs. flach, Rand nach hinten abgeschrägt, Kante nach vorn. Große Absplißmulden in der Vs. rechts oben, kleinere Absplisse an Rand und Kante rechts und links unten, in die Vs. reichend. Ringstein.

2,9 x 1,8 x 0,7
3.Jh.n.Chr.
Aus der Sammlung Blacas.
Brit. Mus. Inv. G 458, ΕA 56458.

Vs.: Chnoubisschlange im Profil nach links. Der wuchtige, von sieben Strahlen umgebene Löwenkopf ist mit einer wirren Mähne, einer langen schmalen Nase, einem kugeligen Oberkiefer sowie einem ovalen Auge ausgestattet. Der Schlangenleib, fischgrätenartig gemustert, windet sich spiralförmig nach rechts und endet nach einem linksläufigen Bogen in eine dünne, schräg nach rechts unten zeigende Schwanzspitze. Im freien Feld, links oben beginnend und entlang des Randes umlaufend, die Inschrift:
IAΕWΒΑIHPΕΝΕΜ..ΝΟΘΙΛΑPΙΚPΙΦΙΑΕΥΕAIΦIR ΚΙΡΑΛΙΘΟΝY
In einer zweiten Reihe fortgesetzt, links unten beginnend:
ΟΜΕΝΕΡΦΑΒWΕAIΑΕHΙΟΥW
→Iaeô-Palindrom, →Vokalreihe

Rs.: Chnoubiszeichen umgeben von einer Inschrift:
ΧΝΟYΒΙΑΛAΜΒHΤWΡ
„Chnoubis” und unbekanntes Εpitheton Das Epitheton AΛAMΒΤWΡ ist bisher unbekannt, die Durchsicht der Papyri ergibt keine Anknüpfungspunkte. Das Chnoubiszeichen in Form von drei s-förmigen Linien mit Querbalken.

In Übereinstimmung mit anderen okkulten Lehren wird im lateinischen Buch des Hermes Trismegistos eine löwenköpfige Schlange mit Strahlen um den Kopf als erster Dekan im Sternbild des Löwen beschrieben und ihre Zuständigkeit für den Magen genannt, im heiligen Buch des Hermes an Asklepios deren Name mit „Chnoumos” angegeben. Die 36 Dekane der älteren Astrologie - jedem Tierkreiszeichen entsprechen drei - werden in einer spätägyptischen astrologischen Inschrift am Tempel von Dendera als Götter und Mischwesen dargestellt, einzelne ihrer Namen sind noch in den Zauberpapyri oder auf Gemmen erwähnt. Beinahe illustrativ decken sich die deskriptiven Aussagen zu dem löwenköpfigen Schlangen-Dekan „Chnoumos” mit grünlichen Quarzen sowie Chalcedonen, in die das Bild einer löwenköpfigen, inschriftlich als „Chnoubis” oder „Chnoumis” bezeichneten Schlange geschnitten ist. Der Löwenkopf der Schlange ist häufig von sHieben Strahlen in Entsprechung zu den sieben Planeten umgeben. Manchmal sind es vierzehn oder auch sieben Doppelstrahlen um einen Nimbus gebündelt. Ebenso können es auch zwölf (Zodiak), sechs (sechs Planeten und Chnoubis selbst als die Sonne) oder neun Strahlen sein. Der Löwenkopf des Mischwesens ist mit seiner Rolle als Dekangestirn oder Dekangottheit mit „sol in leone” erklärbar sowie mit der Gleichsetzung von Löwe und Sonnengott. Die Chnoubisschlange ist in der Regel im Profil nach links gerichtet, doch gibt es auch Ausnahmen, insbesondere bei der Gruppe der gestreckten Chnoubisdarstellungen. Der Normaltypus zeigt eine Schlange mit Löwenkopf, deren Schlangenleib einfach, schleifenartig in Form einer liegenden Acht sowie dreifach gewunden sein kann. Aus dem zusammengerollten Unterleib erheben sich Brust und Hals der Schlange senkrecht nach oben, zuweilen über oder auf einer Cista Mystica. Neben den gerollten und gewundenen Schlangenkörpern gibt es auch den gestreckten Typus, dessen wurmartig dicker und kurzer Körper leicht gewellt sein kann, aber ohne Windung geschnitten ist. Auch senkrecht oder waagerecht gestreckte Schlangen, u.a. auch mit Drachenkopf anstelle des Löwenhauptes, werden mitunter durch Strahlen und entsprechende Inschrift mit Chnoubis identifiziert. Die Schlangengestalt verbindet Chnoubis synkretistisch mit dem thebanischen Gott Kneph/Kematef, ein aus sich selbst entstandendes unsterbliches Urwesen in Schlangengestalt als Urform des Amun, das imaginär beim Weltbeginn aus den Urgewässern entstand und wie Chnum als Schöpfergottheit verstanden wurde. Ebenso wird auch Chnoubis mit dem ägyptischen Schöpfergott Chnum gleichgesetzt und schließlich auch mit dem ebenfalls schlangengestaltigen Agathosdaimon identifiziert, dessen „wahren Namen” die Zauberpapyri mit „Harponknouphi” angeben, eine Verschmelzung der Namen Ηarpokrates/Horus (äg. Hr) und Chnum (äg. Ηnmw). Chnoubis ist also zugleich auch Sonnengott, was wiederum der altägyptischen Gleichstellung der Dekane mit dem Sonnengott und seinen verschiedenen Erscheinungsformen entspricht. Regelhaft wird das Chnoubis-Bild auf Gemmen vom sogenannten „Chnoubiszeichen” begleitet, das in Variationen von drei s-förmigen Linien mit Querbalken, drei z-förmigen Linien mit Querbalken oder drei spiegelverkehrt s-förmigen Linien mit Querbalken vorkommt - häufig dreimal wiederholt, um dadurch die magische Wirkung beschwörend zu erhöhen. Das Zeichen ist der in Dendera und Edfu gebräuchlichen Bezeichnung des Dekadengottes Knum entlehnt: eine senkrecht stehende Schlange, von drei waagerechten Schlangen gekreuzt. Von dem Dekan Chnoubis glaubte man, daß mit seinem Erscheinen die Flut aus dem Urozean (Nun) heraufgeführt werde. Da der Beginn der Nilflut in Wirklichkeit astrologisch nicht eindeutig bestimmbar war, kann dieses Ereignis sowohl mit dem ersten Dekan des Löwen, als auch mit dem letzten Dekan des Krebses in Zusammenhang gebracht werden, so daß die Quellen sowohl in den Auffassungen, welcher Dekan gemeint ist, wie auch in der Benennung desselben differieren. Sowohl für den ersten Dekan des Löwen als auch für den vorangehenden dritten Dekan des Krebses sind die Namensformen ΧΝΟYΜΟC, ΧΝΟΥΜΙC und ΧΝΟΥMHΝ belegt. Das auf Gemmen häufig beigeschriebene „Chnoumis” ist eine Variante des im griechischen Text ΧΝΟΥΜΟC genannten und im lateinischen Buch des Hermes Trismegistos beschriebenen Dekans. „Chnoubis” ist eine der überlieferten Namensformen für den Schöpfer- und Nilgott Chnum (äg. Hnmw), mit dem Chnoubis gleichgesetzt wird. Die Vorstellung, daß der Dekan auch medizinische Wirkung habe, wurzelt in der Dekanmelothesie, wonach die einzelnen Dekane die Glieder des Gottes Kosmos darstellen, der in dem großen Ring der Dekane und im Tierkreis lagert. Bei Hephästion von Theben beispielsweise heißt es: Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß man mit Recht den Dekan Chnumis als Schutzmittel für den Magen nimmt, denn er ist „die Brust des Weltengottes”, wie es die Gliederverteilung des Tierkreises mit sich bringt. In der oben erwähnten Identifikation mit dem Schöpfer- und Geburtsgott Chnum ist die Chnoubisschlange weiterhin auch häufig auf Uterusamuletten zu finden. Daß Chnoubisamulette jedoch nicht auf den medizinisch-magischen Bereich reduziert werden können, wird dadurch deutlich, daß sich nur äußerst wenige Gemmen mit Chnoubismotiv inschriftlich auf den Magen und die Verdauung beziehen und zahlreiche Inschriften auch auf die Bedeutung dieser Figur in der Gnosis hinweisen. Dem ägyptischen Pantheon entlehnt, stellte Choubis beispielsweise die Hauptfigur der gnostischen Sekte der Ophiten dar, wo er als eine Erscheinungsform des Sonnengottes Apollo mit dem Demiourgos identifiziert wurde. Wie aramäische, in Elephantine gefundene Texte weiterhin belegen, war Chnoubis auch mit →Iaô gleichgesetzt, so daß die Figur mit Barb als populär-gnostische („heterodoxe”) Vorstellung vom höchsten Gott hellenistisch-ägyptisch jüdischer Magier eingestuft werden kann.

Auf der vorliegenden Gemme ist der Löwenkopf zwar mit breiten Kerben gearbeitet, vermittelt aber dennoch die naturgetreuen Charakteristika, so daß die Darstellung insgesamt überzeugt. Auch die Proportionen harmonieren. Breite Kerben (Nase, Auge) wechseln mit kugeligen Rundungen (Oberkiefer, Wange) und feinen Linien (Muster des Schlangenleibes) ab, so daß der Schnitt im Gesamteindruck kleinteilig und sauber wirkt.

Publ.: BONNER 141 Anm.6 (erw.); MICHEL, AMULETTGEMMEN 386 Anm.2 (erw.).

Lit.: Zu Chnoubis allg.: G. ROEDER, URKUNDEN 178; W. GUNDEL, Neue Texte des Hermes Trismegistos, AbhMünchen, Ν.F. Η 12 (1936) 21; P. BARGUET, La Stèle de la famine à Séhel (1953) 14, 27 Taf. 1; WORTMANN, ΝILFLUT 85ff.; DIMITROVA (1975) 121ff. zu Abb. 1.2; Z. KISS, in: LIMC III 1 (1986) 272f. s.v. Chnoubis; ΗENIG, CAMBRIDGE 2261 zu Νr. 499 /CBd-103/502 /CBd-106/; ZWIERLEΙN-DIEHL, KÖLN 281, 74ff. zu Nr. 15 /CBd-1443/.16 /CBd-230/; MICHEL, ΑMULETTGEΜMΕN 379ff. - Zum Chnoubiszeichen: W. DREΧLER, in: Roscher ML II 1 (1890-1897) 1264 s.v. Knuphis; K.H. BRUGSCH, Thesaurus Inscriptionum Aegypticarum I (1968) 18 Νr. 1, 24 Nr. 1; BONNER 25; ZAZOFF (1965) 107 zu Nr. 58; A.A. BARB, Gnomon 41, 1969, 301f.; WORTMANN, ΝILFLUT 90; AGD III ΚASSEL 237f. zu Nr. 162; MICHEL, AMULETTGEMMEN 379ff. - Zu den Namensvarianten: DREXLER a.Ο. 1250ff. (Zusammenstellung der Namensformen: ΚΝΟΥΦIC, ΧΝΟYΒΙC, ΧΝΟYΒW, ΧΝΟΥΜΙC, ΚΝΗΦ, Knufi (meroitisch); WORTMANN, NILFLUT 85ff. (Quellen, Lit.); ZWIERLEIN-DIEHL, KÖLN 28. - Zu ΧΝΟΥΜΙC und ΧΝΟΥΜΟC: C.E. RUELLE (Hrsg.), Hermès Trismégiste. Le livre sacré sur les décans, RPhil 32, 1908, 260; A.M. BADAWI, Der Gott Chnum (1937); BONNER 51-66; H. BONNET, RÄRG 135ff. s.v. Chnum; GUNDEL, DEKANE 77; WORTMANN, Nilflut 95ff. - Zu ΧΝΟΥΒIC: R. REITZENSTEIN, Poimandres (1904) 133; W. GUNDEL, Neue Texte des Hermes Trismegistos, AbhMünchen, N.F. Heft 12 (1936) 21; H. BONNER, RÄRG 139 s.v. Chnum. - Zu Chnoubis und den Listen der okkulten Lehren: GUNDEL, DEKANE 286f, 376, 381, 388. - Zu Harponknouphi: 416 /CBd-416/(Lit.). - Zur Gleichsetzung von Chnum und Chnoubis: REITZENSTEIN a.Ο. 133; H. BONΝET, RÄRG 139 s.v. Chnum. - Zu Kneph/Kematef: ΚÁKOSΥ, RΕLIGION 2992; - Zu Chnoubis/Agathosdaimon: 313 /CBd-699/(Lit.). - Zu Chnub/IAW: A. UNGNAD, Aramäischer Papyrus aus Elephantine (1911); A. VINCENT, La religion des Judéo-Araméens d'Eléphantine (1937); S.A. DUPONT-SOMMER, „Υahô” et „Υahô-Sebáôt” sur des ostraca araméens inédits d' Elephantine dans CRAI 1947, 175-191, Syria 26, 1949, 390f.; BARB, ABRAΧAS-STUDIEN 75. - Zum Diagramm der Οphianer Οrigenes, Contra Celsum VI, 24-38, in: P. SLOTERDIJK - T.H. MACHO, Weltrevolution der Seele (1991) 193ff. - Zu Dekanmelothesie: GUNDEL, DEΚΑNΕ 373f., passim; J.F. QUACK, Dekane und Gliedervergottung. Altägyptische Traditionen im Apokryphon Johannis, JbAChr 38, 1995, 97ff, bes. 104ff. (Lit.). - Zur verdauungsfördernden Wirkung der Chnoubisamulette: 338 /CBd-715/ (Lit.).

Vgl.: Zum Motiv: Chalcedon und Silex DELATTE-DERCHΑIΝ 621 Nr. 67.69; Chalcedon AGD III KASSEL 237f. Taf. 106, 162; Quarz, verbrannt? ZWIERLEIN-DIEHL, KÖLN 742 Taf. 12, 15 /CBd-1443/; Grüner Jaspis NEVEROV (1978) 837 Taf. 169, 11; Heliotrop DA VΙNCENZO LAΖARI Notizia delle opere d'arte e d' antichitá della Raccolta Correr di Venezia (1859) 126 Nr. 571 (ohne Abb.); Heliotrop SMITH-ΗUTTON, COOK COLL. 52 Nr. 234 (ohne Abb.); Οlivin PHILIPP, BERLIN 91 Taf. 34, 132 /CBd-216/; Lapislazuli AGWIEN III 167 Taf. 101, 2222 /CBd-2466/; Moosachat SKOLUDA 8 /CBd-1626/. MICHEL, AMULETTGEMMEN 379 Abb. 1; hier 305 /CBd-691/(Vgl.), 306 /CBd-692/ (Vgl.). 307 /CBd-693/(Vgl.), 308 /CBd-694/(Vgl.), 309 /CBd-695/(Vgl.), 310 /CBd-696/(Vgl.)317 /CBd-703/(Vgl.)319 /CBd-705/(Vgl.), 320 /CBd-706/(Vgl.)–326 /CBd-712/, ferner 327 /CBd-713/(Vgl.)–330 /CBd-91/(Vgl.), 331 /CBd-146/ (Vgl.)336 /CBd-184/(Vgl.), 337 /CBd-101/(Vgl.), 338 /CBd-715/(Vgl.). - Zur Inschrift ΧΝΟYΒIC: z.B. 308 /CBd-694/(Vgl.), 316 /CBd-702/, 318 /CBd-704/, 320 /CBd-706/, 322 /CBd-708/, 325 /CBd-711/, 327 /CBd-713/329 /CBd-125/. - Zur Inschrift ΧΝΟYΜIC: 306 /CBd-692/(Vgl.), 307 /CBd-693/, 315 /CBd-701/, 321 /CBd-707/, 322 /CBd-708/, 324 /CBd-710/, 336 /CBd-184/, 584 /CBd-943/. - Zu sonstigen Varianten des Namens: 309 /CBd-695/(Vgl., Chlomis), 314 /CBd-700/ (Chnoumit), 330 /CBd-91/ (Chnouphis), 337 /CBd-101/ (Chnoum).

 

Last modified: 2015-10-10 12:02:17
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